Bettina Henrich

Henrich & Hochstetter
Zwei unvergessene Folk-Blues-Pioniere vom Rhein

Eintagsfliegen kommen immer wieder vor im Musikgeschäft. Schon ein Jahr danach erinnert sich keine Socke mehr an sie, und ich will hier auch niemand benennen, denn in gnädiger Vergessenheit sind diese Namen am besten aufgehoben. Dann gibt es die One-Hit-Acts, die einen einzigen Riesenerfolg landen konnten – vielleicht eineinhalb – und von denen man danach nie wieder irgendetwas hörte. Dieser eine Hit aber wurde unsterblich und ist auch nach 30 oder 40 Jahren immer noch im allgemeinen Radio-Repertoire zu hören. Ich denke da z. B. an „In The Year 2525“ von Zager & Evans oder „Where Do You Go To (My Lovely)“ von Peter Sarstedt, beide aus dem Jahr 1969. Das war schon eine andere Klasse. Und zu dieser Zeit gab es auch ein Gitarren-Duo, das zwar nur relativ kurz existierte und auch niemals einen Hit hatte, von seinen damaligen Fans aber bis heute mit heftiger Wehmut erinnert und unter Kennern (vor allem in den USA) im Internet immer noch in höchsten Tönen gelobt wird. Die Rede ist – ich meine es ernst – von zwei Düsseldorfer Jungs: Udo Henrich und Christian Hochstetter.

Udo Henrich mit Tochter Bettina


Als Udo Henrich, Jahrgang 1944, in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, noch fürs Abitur paukte, war er ein schlaksiger, eher verschlossen wirkender Typ, der Pennäler-Feten nicht allzu viel abgewinnen konnte und meist mit unnachahmlich tieftraurigem Blick in die Welt schaute. Nur wenn er zur Gitarre griff, taute er auf. Er machte dann aber nicht etwa irgendeine Gute-Laune-Musik, sondern sang in eher verhaltenen Tönen den Blues, bis es um ihn herum immer stiller wurde, weil die Leute ihm zuhören wollten. Im Zuge der Popularität internationaler Folklore in den frühen 1960er Jahren kam auch in Deutschland die Entdeckung des zur akustischen Gitarre gesungenen Country-Blues langsam in Gang. Und Udo Henrich war einer der ersten Deutschen, die sich intensiv dieser Spielweise widmeten. Sein Idol war, wie später für ungezählte Andere, Mississippi John Hurt, der mit seinem sensiblen Finger-Picking-Stil den Nerv des Folk-Publikums traf – in seiner amerikanischen Heimat wie auch in Europa. Und seine Songs wie „Candy Man Blues“, „Can’t Be Satisfied“ und „Salty Dog“ wurden von jugendlichen Nacheiferern bald ebenso häufig gecovert wie Bob Dylan’s „Blowin’ In The Wind“. Dabei beschränkten sich die meisten allerdings auf das Gitarreschlagen in vollen Akkorden. Nicht so Udo Henrich. In England waren bereits John Renbourn (eigentlich eher ein Fan von Big Bill Broonzy) und Bert Jansch als weiße Adepten des schwarzen Country-Blues bekannt, und ihre Platten waren einfacher zu beschaffen als die der Originale. Mit diesen Scheiben übte Udo Stunden und Nächte lang – ein ehrgeiziger Autodidakt. Wenige Jahre später, wenn er an Wochenenden bundeswehrfrei hatte, zog er allein durch die Düsseldorfer Kneipen, steckte die unvermeidliche Reval brennend auf ein Saitenende am Kopf seiner Gitarre und sang mit leicht heiserem Timbre seine melancholischen Songs. „So jung und schon so ernst ...“, sagte nach einem dieser Auftritte eine hübsche Krankenschwester namens Karin zu ihm. Sie wurde bald seine erste Ehefrau.

Christian Hochstetter, Jahrgang 1947, war eher eine Frohnatur und nahm das Leben lieber von der heiteren Seite. Sein Reich war ein geräumiger Keller in einem gut gestellten Elternhaus, und seine große Leidenschaft war die Bastelei. Was immer er in die Hände bekam, wurde auseinander genommen, untersucht, begutachtet und meist in verbesserter Weise wieder zusammengesetzt, gleich ob es sich dabei um ein Motorrad oder ein Musikinstrument handelte. Und manchmal entwickelte er dabei überraschende Kombinationen. So konstruierte er unter Verwendung von Motorradbremszügen ein Pedal, mit dessen Hilfe er seine Dobro während des Slidens von Dur in Moll umstimmen konnte. Dass man auf Motorrädern auch fahren und auf Instrumenten Musik machen konnte, ergab sich dabei fast wie von selbst. Christian übte seine flinken Finger zunächst nur zum Privatvergnügen auf Gitarren, Banjos und Mandolinen an vertrackten Soli von Jazz- und Country & Western-Schallplatten. Dabei entfaltete er ziemlich bald eine Virtuosität, die ihn zu einem gefragten Studiomusiker hätte machen können. Selbst vor der Sitar schreckte er nicht zurück, und seine eigene baute er so um, dass er sie auch im Stehen spielen konnte. In der Hauptsache allerdings betrieb er an der Fachhochschule sein Grafik-Design-Studium.

Udo Henrich war nach der Bundeswehrzeit ein wenig mit Karin durch Frankreich gezogen, hatte ohne Lizenz in Paris Straßenmusik gemacht und war prompt für einen Tag hinter Gittern gelandet – eine damals (1966) fast unausweichliche Erfahrung für langhaarige Straßenmusiker, nicht nur in Paris. Aber er konnte auch schlitzohrig sein und ergatterte am Abend jenes Tages für seine Freundin und sich eine Einladung zum Essen von einem Solisten der Pariser Oper. Leider kam dieser zu früh dahinter, dass Karin nicht Udo’s Schwester war, wie behauptet, sondern eben seine Freundin und deshalb für den Gastgeber unzugänglich. Das Abendessen fiel in die Seine. Inzwischen Ehemann und Jura-Student, jobbte Udo stunden- und tageweise bei einer Agentur für Marktforschung, rauchte Reval Kette und trat regelmäßig im Düsseldorfer Folk-Club „Danny’s Pan“ auf. Das Niveau der Musiker dort war für damalige deutsche Verhältnisse ziemlich beachtlich, aber was Udo auf seiner Gitarre zeigte, hielt auch noch höheren Ansprüchen stand. Jahre bevor sich irgendein anderer deutscher Musiker als Finger-Picking-Gitarrist hervortat, hatte Udo bereits internationale Klasse erreicht. Er verzettelte sich nie in Fingerakrobatik, sparte an Noten, wie es dem Blues eben gut tut. Aber jeder Ton saß auf dem Punkt und trug wohldosiertes Feeling. Dazu ein Gesangsstil, der nicht die Schwarzen zu imitieren suchte, sondern entspannt zwischen Leonard Cohen und Jim Croce schwebte und nachhaltig unter die Haut ging. Herausragend war außerdem sein absolut akzentfreies Englisch. So etwas hat man von deutscher Zunge selten gehört.

Es muss 1969 gewesen sein, als Udo Henrich und Christian Hochstetter sich im „Danny’s Pan“ begegneten. Christian stieg zunächst eher locker und unverbindlich mit ein, begleitete Udo’s tiefernsten Vortrag mit leichtfüßigen, Country-Swing inspirierten Tönen auf seiner Gitarre, lockerte die Songs mit knackigen Soli auf und brachte auf diese Weise einen heiteren und spielerischen Akzent hinein, der den Act sehr viel spritziger und aufregender machte, dabei aber keineswegs vom Wesentlichen ablenkte. Die Mischung stimmte einfach. Der für seine jungen Jahre fast zu abgeklärt wirkende Henrich und der temperamentvollere Hochstetter trafen sich handwerklich auf gleich hoher Ebene und ergänzten einander auf der Bühne ideal.

Etliche Türen öffneten sich nun dem Gitarren-Duo Henrich & Hochstetter. Dabei lässt sich nicht mehr genau feststellen, welche der wichtigen Auftritte, die sich noch irgendwie rekonstruieren lassen, Udo Henrich deshalb als Solokünstler absolvierte, weil sich das Duo noch nicht formiert hatte, und welche er dennoch solo wahrnahm, obwohl das Duo bereits bestand. Allein war er beispielsweise bei den meisten Festival-Auftritten: das Song-Festival in Sennestadt (1969), das vom Folk-Club Münster initiierte Folk-Festival in Syke (1969 oder ’70, nur hier war Hochstetter mit dabei) sowie das 5. und 6. Interfolk-Festival in Osnabrück (Frühjahr und Herbst 1970, ein Festival, dem damals enorme Bedeutung zukam). Udo’s Konterfei zierte sogar vollformatig den Titel des Heftes „Interfolk“, Nr. 4 / 1970, und auf dem Sampler „Interfolk-Festival-LP“, Autogram ALLP-171, war er solo mit einem Song vertreten.
Auch eine gemeinsame kleine Tournee mit Derroll Adams (März 1970) absolvierte Henrich ohne seinen Mitstreiter. Desgleichen mindestens drei Auftritte im WDR-Hörfunk.

Bei diversen TV-Terminen kann nicht einmal mehr mit Sicherheit gesagt werden, ob Udo sie allein oder im Duo gespielt hat. Dazu gehören der „Talentschuppen“ beim SWF, die „Drehscheibe“ im ZDF, die „Nordschau“ im NDR und die „Musik bis zum frühen Morgen“ in der ARD (alle bis hierher genannten Radio und TV-Termine vermutlich 1970, der Auftritt in der ARD mit Gewissheit am 28.11.1970).
Bei zwei Live-Gigs im britischen Soldatensender BFBS (Köln 1970) ließen sich die beiden auf jeden Fall wieder gemeinsam von einem verdutzten Publikum feiern, das an die Düsseldorfer Herkunft dieses Duos nicht glauben mochte. Und auch im „Folk-Kaleidoskop“ des WDR (1971) traten Henrich & Hochstetter zusammen auf.

Henrich und Hochstetter


Im Düsseldorfer „Danny’s Pan“, das zu ihrer Stammresidenz geworden war, traf man sie glücklicherweise meistens en bloc an und konnte sie in Bestform genießen. Und mit vereinten Kräften nahmen sie auch ihre drei Schallplatten auf.
Mit dem Interfolk-Festival verbandelt war das Autogram-Label, und so fügte es sich, dass Henrich & Hochstetter im September 1970 ins Studio gingen.
Das Produkt hieß schlicht „Udo Henrich“, Autogram AEP-169, eine kuriose Scheibe im 7 inch Single-Format, abzuspielen mit 45 rpm, aber mit sieben Titeln und in Stereo. Drei Traditionals und vier eigene Songs von Henrich sind darauf zu hören, zwei davon seiner kleinen Tochter Bettina gewidmet, die er zärtlich „Zappa“ zu nennen pflegte. Und auf der Rückseite des Covers sind dann auch beide Musiker ordentlich aufgeführt, denn Christian war immerhin auf vier Tracks mit Gitarre und 5-string Banjo dabei.

Vier weitere Songs spielte das Duo 1971 für Autogram ein. Auch sie erschienen alle zusammen auf einer Scheibe, wiederum im 7 inch-Format und in Stereo, aber diesmal bei 33 1/3 rpm. Titel: „Henrich & Hochstetter, Fretful Talking“, Autogram ALP-176. Und hier dürfte es ganz besonders der Titel-Track sein (eine Eigenkomposition und ein witziges Wortspiel 1), mit dem das Duo bis heute Lorbeeren bei Kennern erntet. Die Gitarren-Arbeit ist wirklich Spitze.


Henrich und Hochstetter Fretful Talking


Wie es dann zu dem Deal mit Philips kam, weiß heute niemand mehr genau zu erzählen. Jedenfalls fand 1971 in Köln noch einmal eine Studio-Session statt, und dort entstand unter der Regie von Jimi Boyks ein regulärer LongPlayer: „Henrich & Hochstetter“, Philips 6305149. Man bemühte noch vier Begleitmusiker, um den geradlinigen Bühnen-Sound des Duos für die Platte ein wenig aufzupeppen – und das teilweise (bei aller Skepsis) mit sehr erfreulichem Erfolg. Während man über den einen oder anderen (nachträglich eingespielten) Beitrag zur Gesamtproduktion sicherlich streiten kann (was man am besten mit dem Produzenten tun sollte), hat vor allem Hans Essers an der Mundharmonika die Aufnahmen enorm bereichert. Gemeinsames Glanzstück: „Take This Train“, für „Fretful Talking“ schon einmal sehr schön eingespielt und hier zu voller Bravour geführt. Da wird eine Intensität des Feelings erreicht, die keinen Vergleich zu scheuen braucht. Ebenfalls traumhaft gelungen und in der Stimmung typisch, fast schon programmatisch für Udo Henrich, ist sein Song „I Don’t Know (What Is My Destination)“. Ein weiteres Highlight bietet die Platte zum Schluss mit dem von Hochstetter komponierten „Jimi’s Breakdown“ (nicht Jimi Hendrix, sondern dem Produzenten gewidmet), bei dem Henrich & Hochstetter wieder mal schiere Brillanz auf ihren Gitarren zelebrieren – ohne zusätzliche Unterstützung. 1)

Danach hätte es eigentlich stabil weiter aufwärts gehen müssen, denn die Spitze des Booms für Folk-Musik in der Bundesrepublik stand erst noch bevor und hätte leicht dazu führen können, dass Udo Henrich, und sei es als Solo-Performer, ähnliche Höhen wie sein Altersgenosse Hans Theessink hätte erreichen können. Immerhin wurde Theessink, seinerseits ein Könner des Blues und als Holländer eine ähnliche Ausnahmeerscheinung wie Henrich als Deutscher, zu einer beständigen, international anerkannten Größe. Als ich 1972 selbst auf der Bühne des „Danny’s Pan“ aktiv wurde und Henrich & Hochstetter ehrfürchtig bestaunte, war den beiden auch keinerlei Ermüdungserscheinung anzumerken. Im Gegenteil: Sie taten sie sich sogar noch mit Jochen Beer, einem prima Mann am Kontrabass, zu einem Trio zusammen.

Henrich Hochstetter Beer Live


Dennoch trat Stagnation ein. Für Udo Henrich rückte das Examen näher, und beide mochten nicht (mehr) wirklich darauf setzen, in der Musik eine solide Existenz zu finden. Booms kommen und gehen, und auch die Erfahrung mit der Philips hatte spürbare Ernüchterungen mit sich gebracht. Die beiden blieben die Créme der Szene, gaben aber bürgerlich-beruflichen Wegen den Vorrang. Und als das „Danny’s Pan“ 1974 schloss, durch Misswirtschaft Pleite, lange bevor die Folk-Musik wieder an Publikum verlor, löste sich auch das Trio Henrich, Hochstetter & Beer auf.

In Udo’s Leben fand der Bruch gleich auf mehreren Ebenen statt. Er verließ seine Frau und seine kleine Tochter und siedelte für eine Weile in Frankfurt. Die Juristerei hängte er unmittelbar nach dem Examen an den Nagel und wurde ein erfolgreicher und wohlhabender Mann in der Marktforschung. Zu seinen Kunden gehörten Jack Daniels und andere bekannte Marken. Auch war er zumindest zeitweise kein Kind von Traurigkeit. Mitunter soll es recht bunt zugegangen sein bei ihm. Stille Wasser gründen tief. Vielleicht war es auch in dieser Zeit, dass er sich an hervorragende Weine heftiger gewöhnte, als ihm gut tat. Später heiratete er ein zweites Mal. Eine ganz konkrete Möglichkeit, nach Chicago zu ziehen, schlug er aus. Hamburg hätte ihn gereizt, aber letztendlich blieb er in Düsseldorf. Und er trat nie wieder öffentlich auf. Während draußen das nachwachsende Publikum (in Deutschland) zu glauben schien, Werner Lämmerhirt hätte das Finger-Picking auf der Gitarre erfunden, richtete Udo sich zuhause ein Mini-Studio ein und musizierte dort ganz für sich allein. Mitunter erlag er dabei den Versuchungen, die der digitale Schnickschnack der 1980er und 90er Jahre so mit sich brachte, wie die privaten Aufnahmen aus dieser Zeit zeigen. Die fehlende Interaktion mit anderen Musikern und mit dem Publikum lässt sich halt durch Computersimulationen nicht ersetzen. Im Wesentlichen blieb er seinem bluesigen Feeling treu, aber die Intensität seiner jungen Jahre erreichte er nicht mehr.

Christian Hochstetter hatte sein Studium als Designer grad. abgeschlossen und war zunächst als Grafik-Designer für eine große Agentur, ab 1981 freiberuflich als Zeichner und Texter für diverse mittelständische Industrie-Unternehmen tätig. Soweit es seine Zeit erlaubte, pflegte er seine Leidenschaften in gewohnter Weise weiter – und am gewohnten Ort. Am liebsten ist er bis heute in den Kellerräumen des Hauses, in denen er schon als Teenager schraubte. Und nach wie vor ist nichts vor ihm sicher, mit dem sich, wie er es nennt, „frickeln“ lässt. So lüftete er für Freunde das Geheimnis einer besonderen Leistenkonstruktion im Innern bestimmter Saiteninstrumente. Auch für jede technische Spielerei ist er zu haben, geht allerdings auf seine Weise damit um. Niemals käme er auf die Idee, mit einem Stück Sound-Equipment einen anderen Musiker ersetzen zu wollen. Er ist nur neugierig, experimentiert mit einer Unzahl kleiner Geräte, kombiniert und optimiert und freut sich wie Bolle, wenn er wieder etwas Neues und Nützliches ausgetüftelt hat. Nach der Zeit mit Udo Henrich tat sich Christian 1982 mit Horst Bischoff in der Country-Formation „Chorus“ zusammen, die auch an bundesweiten Wettbewerben teilnahm und dabei zweimal in die Endausscheidung gelangte. Horst Bischoff wandte sich jedoch 1984 einem anderen Genre zu (siehe meine Abteilung „Musikalische Freunde“), und „Chorus“ brach wieder auseinander.

Henrich Hochstetter Koala


Im Jahr 1992 kam es zu einem privaten Versuch der Reunion von Henrich & Hochstetter, die sich mehr als zehn Jahre lang völlig aus den Augen verloren hatten. Udo’s zweite Frau Beate hatte die Initiative dazu ergriffen, und anfangs schien es auch zu gelingen. Die zwei wagten sich sogar wieder an ein Stückchen, bei dem sie in jungen Jahren leider nie fotografiert worden waren. Deshalb erwähne ich es auch erst an dieser Stelle: die Koala-Nummer. Dabei griff Christian, hinter Udo’s Rücken stehend oder kniend, unter dessen Armen hindurch und schmuggelte – ohne Hände, Griffbrett und Saiten sehen zu können – ein Solo auf dieselbe Gitarre, die Udo gerade spielte. Und obwohl beide schon mal schlanker waren, brachten sie immer noch das Kunststück fertig, vierhändig auf einer Gitarre zu spielen. Ich habe von niemand sonst gehört, der das vorgeführt hätte. Geschockt hat mich allerdings ein Detail auf dem Foto: Udo spielt eine Ovation, die er sich aus den Staaten mitgebracht hatte und innig liebte, wie Beate erzählte. Als die Ovation Anfang der 1970er Jahre eine Zeit lang zur Mode wurde, hatte Udo im „Danny’s Pan“ auf seine trockene Art noch verkündet: „So ein Weltraum-Schrott kommt mir nicht auf den Schoß. Für Bratpfannen mag das ja taugen, aber ganz bestimmt nicht für Gitarren.“
Die Ovation half der Reunion nicht. So ideal sich die beiden musikalisch auch ergänzten, die Unterschiede in den Temperamenten waren doch zu gewaltig. Und eigentlich muss man sich wundern, dass zwei solch eigenwillige Charaktere überhaupt je ein erfolgreiches Duo miteinander bilden konnten. Der zweite Versuch jedenfalls blieb Episode, mehr als ein paar Proben und einige wenige Sets vor dem persönlichen Freundeskreis kam nicht dabei heraus.

1997 erkrankte Udo Henrich an Krebs. Die Lunge und auch das Gehirn waren befallen. An der Lunge ließ er sich operieren, es folgten Chemo- und Strahlentherapie. Fast ein Jahr lang hielten er und seine Frau die Krankheit im beruflichen und privaten Umfeld strikt geheim in der Hoffnung, den Krebs zu besiegen. Udo war nie ein offensiver Kämpfer-Typ gewesen, aber er war es auch nicht gewohnt, zu verlieren oder gar kleinmütig aufzugeben. Ein weiteres Jahr noch wehrte er sich – jedoch schließlich vergebens. Bis zuletzt im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und ohne die zahllosen Schläuche der Apparatemedizin starb er in Würde am 6. Januar 1999.

Seine Tochter Bettina ist längst selbst eine gestandene Musikerin. Vor Allem am Schlagzeug zu Hause, komponiert und textet sie auch eigene Songs und widmet sich seit einiger Zeit intensiv dem Gesang. In ihrer wunderbar natürlichen Stimme schwingt etwas von genau jener Atmosphäre mit, die auch in Udo’s Stimme wohnte – eine echte Begabung. Die Japaner nennen das, was ich da höre, den „Geist der Einsamkeit“, aber nicht in einem resignativen Sinne. Sie meinen damit auch den „Mut der Einsamkeit“, Geist im Sinne des englischen Wortes „spirit“.
Den hatte zweifellos auch Udo Henrich, und in Christian Hochstetter hatte er zumindest zeitweise den idealen Partner in der Musik.

Inzwischen stellte sich Christian vor allem in seinem Hauptberuf der fortschreitenden Computerisierung. Desk Top Publishing oder DTP heißt das heute, und als echter Tüftler hat er natürlich auch daran seine Freude gefunden.
Aber auch auf dem Griffbrett blieben seine Finger noch lange so flink wie eh und je, und wenn er Gelegenheit fand, stieg er mit Gitarre oder Banjo ein und nahm als ausgefuchster Saiten-Freak jede Möglichkeit wahr sich auszutoben. Ich sag’s noch einmal: Hochstetter wäre gerade heute ein glänzender Studio-Musiker , wo immer es gilt, guter handgemachter Musik mit elektrischen oder akustischen Instrumenten noch ein paar erlesene Highlights aufzusetzen. Man fand ihn allerdings nur noch bei gelegentlichen, fast geheimen Sessions unweit des Rheins.

Im Jahr 2007 erhielt Christian von seinem Arzt die Diagnose Darmkrebs, aber mit guten Aussichten auf Heilung. Drei Jahre lang nahm er Operationen und Therapien mit unerschütterlichem Optimismus hin und investierte weiterhin jede freie Stunde ins „Frickeln“ und Musikmachen, soweit seine Kräfte es zuließen. In der Nacht des 2. Januar 2010 jedoch verstarb er im Alter von 62 Jahren.

Auf Internet-Seiten wie rockinworld.com oder popsike.com werden die Folk-Blues-Pioniere aus Düsseldorf noch heute mit solchen Komplimenten gewürdigt: „Exzellentes Folk-Blues Gitarren-Duo“ / „Killer Folk-Blues Gitarren-Duo“ / „Country-Blues Gitarren-Meisterschaft erster Güte“ / „In höchstem Maße zu empfehlen, ähnlich wie Wizz Jones“ / „Beste deutsche LP, die jemals in diesem Genre aufgenommen wurde!!!“ / „Einer der rarsten deutschen Acts auf einem Major Label. Was für eine Platte!!!“ / „Außerdem eine fantastische männliche Stimme in solch perfektem Englisch, dass man wirklich niemals eine deutsche Band dahinter vermuten würde“. Was ist dem noch hinzuzufügen? 3
Eine Veröffentlichung der privaten Takes aus Udo’s späten Jahren ist wohl nicht zu erwarten, obwohl sie zwei CDs füllen würden. Aber die Philips-LP von Henrich & Hochstetter ist gelegentlich noch second hand zu finden. Und ob man’s glaubt oder nicht, ein paar Rest-Exemplare der 7 inch-Platten sind auch noch erhältlich – solange der Vorrat reicht ...


1 „Fretful“ kann sich sowohl auf die „frets“, die Bünde des Gitarrenhalses, beziehen als auch so viel wie „besorgt“ oder „quengelig“ bedeuten.

2 Zur LP hier noch zwei discographische Zusatzinformationen: Auf der Cover-Rückseite der LP heißt der Schlagzeuger Pete „Shuggie“ Smith. Hinter diesem Pseudonym „verbirgt“ sich (mit korrektem Foto) Peter Thoms, dessen Name später u.a. durch seine Arbeit mit Helge Schneider bekannt wurde. Warum sich Hans Essers scheinbar hinter dem Sessel verbirgt, ist schnell erklärt: Der gut aussehende junge Bursche war zum Fototermin schlicht und ergreifend nicht da. Ich weiß allerdings nicht, wo zum Teufel er steckte.

3 Alle diese Zitate finden sich in Englisch und sind übersetzt, obwohl Henrich & Hochstetter ausschließlich in Deutschland, niemals im Ausland aufgetreten sind.

© copyright Text Juli 2005 by Mojo Mendiola, mit herzlichem Dank an Bettina Henrich, Karin Henrich, Beate Roland und Christian Hochstetter für ihre Unterstützung

© copyright Fotos:

• Vater und Tochter privat, April 1970 (Sammlung Bettina Henrich)
Fotografiert von Frank Pierlings, Rheinische Post, Düsseldorf

• Promotion-Foto, 1970 (Sammlung Bettina Henrich)
Fotografiert von Frank Schreyer, Royal Flash Studios, Düsseldorf
Adaptiert und digital aufbereitet von Mojo Mendiola (auch für das kleine Bild im Inhaltsverzeichnis der Abteilung „Storys“)

• Philips-LP „Henrich & Hochstetter“ von 1971 Cover-Foto von Frank Schreyer, Royal Flash Studios, Düsseldorf

• Privates Foto, November 1992
Fotografiert von Beate Roland

 

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